Fotokalender im Spiegel der Zeit

In diesem Text nehmen wir Sie mit auf eine kleine Fotokalender-Zeitreise aus der Wahrnehmung von Reto Rohner. Es sind bloss gut 40 Jahre zurück. Aber 40 Jahre, die den Fotokalender-Markt komplett umgekrempelt haben…

1980er Jahre
Bruno Blum hat 1974 den NaturVerlag gegründet. Als Naturfotograf war er besonders von weiten Urlandschaften, von den Elementen und der Naturgewalt fasziniert. Aber auch die kleinen Dinge in der Natur, die meist übersehen werden, verstand er in einer neuen Qualität und Dimension zu fotografieren und auf Papier zu bringen. Sei es für Geschenkkarten in diversen Formaten oder als Fotokalender.

1981 habe ich seinen Naturkalender an der damaligen Muba in Basel entdeckt. Ich war als Agrobiologielaborant-Lehrling mit meinem damaligen Ausbildungschef an der Natura, einer Teilausstellung der damaligen Muba. Der NaturVerlag hatte dort einen Stand und präsentierte den 1982er Jahrgang des Naturkalenders. Ich war fasziniert von diesem Fotokalender und sagte zu meinem Chef spontan: "So etwas will ich auch einmal machen!"

Später erfuhr ich, dass der Naturverlag in der Schweiz sehr erfolgreich unterwegs ist. Immer wieder stiess ich in Papeterien und Buchhandlungen auf das tolle Kartensortiment und diesen faszinierenden Fotokalender. Grossformatig und mit bestechend schönen Naturaufnahmen, trifft der Naturkalender mit dem Look and Feel eines grossformatigen Fotokalenders für die Wand offensichtlich den Nerv der Zeit. Bruno Blum ist damals auch mit seinen beliebten Multivisionen unterwegs. Es sind klassische Diaschauen mit Überblendprojektoren, die dank viel Technikverständnis und Akribie vertonte Bilderkaskaden in einer faszinierenden Tiefe zum Besten geben. Im Vergleich zu den heutigen, komplett digitalisierten Multivisionen waren solche Shows mit enormem Aufwand verbunden. Wenn Blum damals in Rapperswil-Jona vorbei kam, gehörte der Besuch für unsere Familie zum Fixprogramm!

In den 1980er Jahren waren Kalender und damit auch Fotokalender jeglicher Art sehr beliebt. Ob als Planer für Büro und Gewerbe oder privat, sei es zuhause in der Küche, im Arbeitszimmer oder, ja, sogar auf der Toilette… Noch zu Beginn der 1990er Jahre erhielt man in Firmen zum Ende des Jahres reihenweise Fotokalender mit unterschiedlichsten Formaten und Ansprüchen. Besonders auch Agenden waren sehr beliebt und jeder hatte eine Vorliebe für ein bestimmtes Format..... (weiterlesen)

 

Fortsetzung – Fotokalender im Spiegel der Zeit

1990er
Zu Beginn der 1990er Jahre machten sich immer mehr Sättigungstendenzen bemerkbar. Die enorme Angebotsvielfalt an Kalendern und speziell Fotokalendern aller Art drückte auf die Preise, immer mehr qualitativ minderwertige Fotokalender wurden produziert. Fotokalender wurden damals übrigens fast ausnahmslos auf Glanzpapier gedruckt. Dies hatte vor allem zwei Gründe. Erstens war die Bildwiedergabe auf matten Offsetpapieren für Kalender zu schlecht, zweitens rochen Druckerzeugnisse auf matten Offsetpapieren massiv nach 'Druckerschwärze', ein No-Go für einen Fotokalender, den man an die Wand hängt…

1997/1998
Den Richtungswechsel läutete kurz vor dem Eintritt in das neue Millennium die Erscheinung von Microsoft Outlook und bald auch weiterer Mail-, Kontakt- und Terminplaner-Software ein. Dass die neuen Optionen aber den Markt für gedruckte Planer und Fotokalender innert weniger Jahre komplett umkrempeln würden, war noch wenig realistisch. Zu unübersichtlich, zu wenig ineinander verzahnt waren die neuen Möglichkeiten… Zu Beginn des neuen Jahrtausends nahm die Digitalisierung dann an Geschwindigkeit auf. Als Apple-Anwender fühlte man sich leider in dieser Zeit ziemlich abgehängt. Apple stand das Wasser an der Gurgel und man wurde nur noch müde belächelt, wenn man auf dem Tisch so ein (damals beiges) Ding mit dem farbigen Apfellogo stehen hatte. Das Logo damals übrigens in den schönsten Regenbogenfarben, es würde heute wohl glatt als erstes LGBT*Q-konformes Logo den einen oder anderen hochdotierten Designpreis einheimsen. Die Übermacht von Microsoft dauert einige quälend lange Jahre…

2004
Dieses Jahr ist das Geburtsjahr des Blumenkalenders. Ein klassischer Fotokalender, der jedoch von Beginn weg sowohl bei den Bildern als auch bei Papier, Verpackung und Druckqualität, auf Qualität setzt. Frustriert von diversen Anläufen bei verschiedenen Kalenderverlagen, die meist zu netten, verständnisvollen Gesprächen führten, aber keine konkreten Ergebnisse lieferten, starteten wir also mit dem Blumenkalender im Eigenverlag. Einige Gartencenter und Gärtnereien, die von Beginn an Gefallen am Projekt fanden, ermöglichten uns eine Startauflage von 1000 Stück. Produziert wird der Erstling beim arrivierten Kalenderverlag Eidenbenz in St. Gallen.

2007
Mac-Fans sind seit der Jahrtausendwende von den neuen elektronischen Planungs-Möglichkeiten von Microsoft an den Rand gedrängt, bis Apple 2007 mit dem ersten iPhone die Ära der Smartphones einläutet. Dies ist der Startschuss zu einer verrückten Dynamik. Innert weniger Jahre etablieren sich Smartphones und mit ihnen die Möglichkeit, Termine elektronisch auf Handy, Computer, Tablet etc. zu organisieren und zu verwalten. Das Ganze führt scheinbar zum Todesstoss für gedruckte Fotokalender aller Art: die Nachfrage bricht enorm ein, gedruckten Kalendern haftet plötzlich der Staub derer an, die den Sprung zum Smartphone nicht schaffen oder nicht schaffen wollen…

2010er Jahre
In den 10er Jahren wächst die Auflage des Blumenkalenders entgegen der Entwicklung des Gesamtmarktes rasant, währenddessen andere Kalender eingestellt werden. Die Entwicklung bekommen offensichtlich auch die Kalender-Druckereien zu spüren. Zollikofer stösst den Kalenderbereich an Calendaria Immensee ab, wo der Blumenkalender von 2014 bis 2016 produziert wird.

2013
Bruno Blum hat sich seit Jahren aus dem NaturVerlag zurückgezogen und der Verlag ist inzwischen von seinem Wegbegleiter Paul Bürki an die Unternehmerfamilie Liechti veräussert worden. Lose Verbindungen mit Liechtis führten schliesslich dazu, dass die 2013er Ausgabe des für mich so geschichtsträchtigen Naturkalenders tatsächlich nicht nur meine Bilder trägt sondern komplett aus meiner Feder stammt! Wir lieferten die elektronischen Daten des Kalenders inklusive Litho ab, doch kurz vor Drucklegung entscheidet der Verlag, den Namen des Fotografen vom Cover zu entfernen… So wird der 2013er Naturkalender zum No-Name-Produkt. Immerhin erhalte ich Monate nach Drucklegung sogar noch ein Belegexemplar…

Mit der 2013er Ausgabe des Blumenkalenders versuchen wir uns mit unserem Fotokalender am deutschen Markt. Doch das Geschäftsmodell lässt sich nicht einfach 1:1 exportieren, wie wir leidvoll erkennen müssen. Der Markt ist zu verschieden, das Modell funktioniert nicht. Die gleiche Erkenntnis machen wir mit dem 2014er Ausgabe des Blumenkalenders, den wir beim Gregor Verlagskalender-Award anmelden - und scheitern.

2017
Die Druckindustrie ist im wahrsten Sinne des Wortes unter Druck. Die neuen digitalen Medien führen zu massiv rückläufigen Druckvolumen nicht nur im Zeitungs- und Zeitschriftendruck, sondern auch im Werbedruck. Parallel dazu wird die Druckindustrie deutlich effizienter und grüner. Die Druckerei Abächerli in Sarnen hat eine der ersten LED-Druckmaschinen der Schweiz, eine 50/70er, wo der Blumenkalender des Jahrganges 2017 produziert wird. Dank der LED- und UV-Drucktechnik ist die Bildqualität auch auf Naturpapieren so hoch, dass langsam eine Trendumkehr von Glanzpapieren zu matten Oberflächen stattfindet. Dennoch, die allermeisten klassischen Fotokalender werden nach wie vor auf Glanzpapieren gedruckt.

2018
Ab 2018 wird der Blumenkalender schliesslich wieder auf einer 70/100er Maschine produziert – natürlich eine LED-Druckmaschine der neusten Generation. Seither läuft der Blumenkalender wie einige andere sehr schöne Fotokalender auch bei Merkur Druck in Langenthal.

2021
Merkur Druck setzt einmal mehr auf Innovation und stellt seine Druckprozesse auf das neue PURe-Farbsystem um. Somit wird der Blumenkalender 2022 erstmals gedruckt mit dem natürlichen PURe-Farbsystem. Diese Farben sind frei von Mikroplastik und toxischen Inhaltsstoffen und zudem geruchsfrei. Das ist nicht nur für die Arbeitenden in der Druckindustrie eine massive Verbesserung der Arbeitsplatzqualität sondern das sind auch handfeste Argumente für einen Kalender, der die Natur ins Wohnzimmer bringt!